03.12.2008 | St. Johannes 1, 35-42 (Tag des Apostels St. Andreas

TAG DES APOSTELS ST. ANDREAS – 3. DEZEMBER 2008 – PREDIGT ÜBER ST. JOHANNES 1,35-42

Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo ist deine Herberge? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen's und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde. Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte. Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.

„Wie bist du zum Glauben gekommen?“ – Schwestern und Brüder, vielleicht habt ihr solch eine oder solch eine ähnliche Frage auch schon mal gehört, vielleicht ist sie euch auch schon einmal gestellt worden. Ja, es gibt bestimmte christliche Gruppierungen, für die das ganz wichtig ist, dass man auf eben diese Frage eine genaue Antwort geben kann, genau sein Bekehrungserlebnis beschreiben, genau seinen Bekehrungstag nennen kann. Wenn man nicht davon erzählen kann, wie man zum Glauben gekommen ist, ist man eigentlich gar kein richtiger Christ, so meinen sie.
Wenn man die Geschichte nur oberflächlich zur Kenntnis nimmt, die uns im Heiligen Evangelium des Tages des Apostels St. Andreas erzählt wird, dann könnte man meinen, dass uns dort auch solch eine Bekehrungsgeschichte erzählt wird, dass hier erzählt wird, wie der Andreas und sein Begleiter damals zum Glauben an Jesus gekommen sind. Aber wenn wir etwas genauer hinschauen, dann stellen wir fest, dass unsere Neugier, wie denn der Andreas nun eigentlich zum Glauben gekommen ist, hier in dieser Geschichte letztlich überhaupt nicht befriedigt wird. Da, wo doch eigentlich seine Bekehrung berichtet werden müsste, davon erzählt werden müsste, was sich da im Herzen des Andreas an jenem Tag abgespielt hat, schweigt der Evangelist St. Johannes ganz bewusst. Und wenn wir dann noch einmal ein bisschen genauer hinschauen, dann stellen wir fest: Der Andreas ist damals überhaupt nicht zum Glauben gekommen, sondern genau umgekehrt ist der Glaube zu ihm gekommen. Und das gilt nicht bloß für den Andreas damals, das gilt genauso für uns alle heute auch: Wir sind überhaupt nicht zum Glauben gekommen, sondern der Glaube ist zu uns gekommen. Und die Art und Weise, wie dies geschieht, die ist heute noch genau dieselbe wie damals. Der Glaube kommt zu uns

- durch das Wort von Boten
- durch die Verbindung mit Christus
- durch den, der uns längst kennt.

I.

Von allein wäre der Andreas mit Sicherheit nie auf die Idee gekommen, an Jesus zu glauben. Jesus lief ja damals nicht mit einem Heiligenschein auf dem Kopf herum, dass jeder gleich hätte erkennen können, dass er, Jesus, etwas Besonderes ist, ja, dass er der Retter der Welt ist, das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt. Nichts deutete von seinem Aussehen her darauf hin, dass er von Gott gesandt, ja der eingeborene Sohn Gottes in Person war. Allein das Wort Johannes des Täufers ist es, das Andreas die Augen dafür öffnet, dass es nötig ist, sich an diesen Jesus zu halten, ihn näher kennenzulernen, ihm nachzufolgen. Ohne das Wort des Johannes wäre der Glaube niemals zu Andreas gekommen.
Nicht anders ist das ja auch bei uns: Wir feiern in unserer Kirche die Aposteltage, feiern in diesem Gottesdienst den Tag des Apostels St. Andreas, weil wir allein durch das Wort der Boten Christi, durch das Wort der Apostel Zugang zu ihm, Christus selber, haben. Christus hat kein einziges Wort des Neuen Testaments mit eigener Hand geschrieben; allein durch das Wort seiner Boten will er uns erreichen und erreicht er uns in der Tat. Und dieses Wort der Apostel, das hat bis heute die Kraft, Glauben zu wirken, vermag den Glauben zu den Menschen zu bringen.
Und in aller Regel ist der Glaube nun auch nicht so zu uns gekommen, dass wir still für uns selber dieses Wort der Apostel in der Bibel gelesen haben. Sondern da hat es auch in unserem Leben Menschen gegeben, die uns dieses Wort der Apostel gesagt haben, die genau wie Johannes der Täufer damals uns an ihn, Christus, gewiesen haben, uns deutlich gemacht haben, wie entscheidend wichtig es ist, ihm, Christus, und niemand sonst zu folgen. Bei vielen von uns waren es die Eltern, die uns diesen Dienst erwiesen haben, bei anderen waren es vielleicht die Großeltern, die Paten, Freunde, vielleicht auch ein Pastor, durch die Christus uns mit seinem Wort erreicht hat. Ja, was uns St. Johannes hier in seinem Evangelium schildert, das gilt auch für uns: Der Glaube kommt zu uns durch das Wort von Boten, von Menschen, die Christus dafür in seinen Dienst nimmt.

II.

Der Glaube kommt zu uns Menschen durch das Wort von Boten – das ist sicher richtig. Aber man kann diese Aussage für sich genommen auch leicht missverstehen, so nämlich, als ob der Glaube einfach eine Art von Verstehen sei: Mir wird etwas erzählt, ich verstehe das, ich sage dazu Ja, und damit glaube ich. Der Evangelist St. Johannes stellt dies hier im heiligen Evangelium jedoch noch einmal ganz anders dar:
Da hat Johannes der Täufer Andreas und den anderen Jünger auf den Weg geschickt hinter Jesus her. Und dann bekommt Jesus das mit, dreht sich um, fragt sie, was sie suchen. Und die Antwort der beiden ist bezeichnend: „Rabbi, wo ist deine Herberge?“ Sie möchten einfach bei ihm, Jesus, sein, sie stellen keine Verständnisfragen, sie möchten nicht mit ihm diskutieren, sie möchten einfach nur da sein, wo er, Jesus, ist. Und genau dazu lädt Jesus sie dann auch ein: „Kommt und seht!“ Die Jünger lassen sich nicht zweimal bitten: „Sie kamen und sahen’s und bleiben diesen Tag bei ihm“ – so schildert es St. Johannes. Was an diesem Tag da geschehen ist, wie viel und worüber Jesus mit den beiden geredet hat, was sie da sonst noch alles vielleicht gemacht haben – kein Wort davon berichtet St. Johannes hier. Dass die beiden bei ihm, Jesus, waren, in seinem Zuhause, in seiner Gegenwart, dass sie mit ihm Gemeinschaft hatten, Gemeinschaft an seinem Tisch, das reicht. Das reicht so sehr, dass Andreas danach fröhlich bekennen kann: Wir haben den Messias, den Christus, gefunden.
Wie kommt der Glaube zu uns Menschen? Ja, gewiss auch durch das gesprochene Wort von Boten, so haben wir es ja auch eben in der Epistel gehört: So kommt der Glaube aus der Predigt. Aber der Glaube kommt zugleich auch dadurch zu den Menschen, dass sie einfach da sind, wo er, Jesus, ist, dass sie seine Nähe, seine Gegenwart erfahren, dass sie teilhaben an seinem Tisch. Glauben ist eben viel mehr als Verstehen, er ist Gemeinschaft mit Christus, Verbindung mit ihm, die weiter reicht als all das, was wir mit unseren Gehirnzellen erfassen können. Ich erlebe das immer wieder von Neuem hier in unserer Gemeinde: Ja, da gibt es diejenigen bei uns, die dazu in der Lage sind, sich intensiver auch mit Inhalten des christlichen Glaubens zu befassen, für die von daher auch die Predigt im Gottesdienst eine besondere Bedeutung hat. Und da gibt es daneben auch viele in unserer Gemeinde, die kommen einfach zum Gottesdienst, die sind einfach mit dabei, die kommen einfach immer wieder zum Heiligen Mahl, lassen sich dort immer wieder mit Christus verbinden. Mit der Predigt sind sie vielleicht überfordert, davon behalten sie vielleicht auch nicht viel. Aber sie sind da, sind der Einladung ihres Herrn gefolgt: „Kommt und seht!“ Und gerade auch so kommt der Glaube zu den Menschen, dass Menschen dadurch bei Christus und von Christus festgehalten werden, dass sie dort sind, wo er ist. Wie viel sie davon mit Worten ausdrücken können, das ist gar nicht so entscheidend. Kommen und sehen kann man auch ohne viele Worte. Und es mag auch bei uns einmal die Zeit kommen, in der wir nicht mehr viel sprechen können, in der wir uns vielleicht auch nicht mehr an viel erinnern können. Der Glaube bleibt dann, kommt dennoch immer wieder zu uns, weil Christus zu uns kommt und sich mit uns verbindet. Ja, kommt und seht!

III.

Und dann lässt uns St. Johannes hier im Heiligen Evangelium noch ein Stück tiefer blicken: Gleich zweimal ist hier in diesen Versen davon die Rede, dass Jesus Menschen sieht. Und das heißt eben nicht bloß, dass er sie mit seinen Augen irgendwie wahrnimmt. Nein, wenn Jesus Menschen sieht, dann reicht das viel tiefer, dann blickt er sie an als einer, der sie schon längst vorher kannte. Der Andreas kommt hier in unserer Geschichte gar nicht dazu, seinen Bruder Simon Jesus vorzustellen. Jesus sieht ihn und kennt ihn mit Namen, spricht ihn an, ja, gibt ihm gleich einen neuen Namen, nimmt ihn damit zugleich in seinen Dienst.
Nein, nicht wir kommen zum Glauben, so zeigt es uns St. Johannes hier sehr eindrücklich. Längst bevor wir auf die Idee kommen konnten, Ja zu Jesus zu sagen, hatte er uns schon längst gesehen und erkannt. „Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden“, so werden wir es in wenigen Wochen wieder zum Heiligen Christfest singen. Nein, unser Glaube hängt nicht an uns, nicht an unserer Entscheidung, nicht an unserem Willen. Christus selber hat es so gewollt, dass wir glauben. Er hat uns gesehen, er hat uns bei unserem Namen gerufen in unserer Taufe, und er hat den Glauben zu uns kommen lassen. Und wir – wir können nur staunend feststellen, was auch bei uns längst Wirklichkeit ist. Ja, ganz wegblicken dürfen wir so von uns selber, von unseren Erfahrungen, von unseren Zweifeln und Fragen. Er, Christus, ist da, er, das Lamm Gottes, er, der uns längst gesehen hat und uns auch heute wieder in seine Gemeinschaft ruft, an seinen Altar: Kommt und seht! Amen.