01.01.2008 | St. Johannes 14, 19b (Tag der Beschneidung und Namengebung JESU)

TAG DER BESCHNEIDUNG UND NAMENGEBUNG JESU – 1. JANUAR 2008 – PREDIGT ÜBER ST. JOHANNES 14,19b

Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben.

Wir saßen bei herrlichem Sommerwetter an einem See im Süden Schwedens – die Teilnehmer einer Freizeit für junge Erwachsene, die ich vor gut sechzehn Jahren als Vikar gemeinsam mit einigen Mitarbeitern leitete. Da saßen wir jungen Erwachsenen an einem Vormittag ganz still an diesem See, und jeder von uns befasste sich mit der einen Frage: „Was würde ich tun, wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte?“ Nein, Ziel dieser Übung war nicht, gemeinsam in einer kollektiven Depression zu versinken; im Gegenteil: Gerade diese Übung, diese Frage sollte uns vor Augen stellen, was eigentlich unser Leben ausmacht, was uns in unserem Leben wirklich wichtig ist, ja was für uns eigentlich Leben ist.
„Was würde ich tun, wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte?“ – Vielleicht ist das auch für uns zu Beginn dieses neuen Jahres 2008 eine gute Übung, dass wir uns einfach mal eine halbe Stunde zu Hause hinsetzen und über diese Frage nachdenken. Es könnte sein, dass wir dann auf dieses Jahr 2008, das nun vor uns liegt, noch einmal mit anderen Augen blicken.
Da haben wir für dieses Jahr schon wieder eine ganze Reihe von Terminen festgemacht, und ein gewisser Grundrhythmus unseres Lebens mit bestimmten regelmäßigen Verpflichtungen steht bei den allermeisten von uns ja ohnehin fest. Ist das eigentlich unser Leben – das Entlanghangeln von einem Termin zum nächsten, von einer Verabredung zur nächsten, von einer Verpflichtung zur nächsten? Geht das in unserem Leben einfach immer so weiter, bis irgendwann dann einmal der Tod alle weiteren Terminplanungen überflüssig macht? Oder haben wir vielleicht eher den Eindruck: Der Alltag, den wir so Tag für Tag erfahren, das ist eigentlich gar nicht das richtige Leben? Das richtige Leben, das haben wir im Urlaub, wenn wir mal heraustreten können aus der Tretmühle des Alltags, wenn wir endlich mal wir selber sein können, wenn wir vielleicht endlich mal so richtig die Sau rauslassen können?! Ja, nicht wenige Menschen gibt es, für die ist die Zeit von Montagvormittag bis Freitagnachmittag gar kein Leben; aber die Zwischenzeit von Freitagabend bis Sonntagabend – da findet Woche für Woche das Leben statt, dafür lohnt es sich dann auch, von Montag bis Freitag durchzuhalten. Aber da gibt es dann umgekehrt auch viele Menschen, für die zieht sich das Leben hin wie Kaugummi, die kennen sie nicht, die Höhepunkte, die sie als eigentliches Leben empfinden könnten; sie leben einfach vor sich hin und fragen sich vielleicht manchmal, wozu sie eigentlich immer noch weiterleben. Da gibt es diejenigen, die den Eindruck haben, dass sich ihr Durst nach Leben überhaupt nicht löschen lässt und die diesen Durst darum auf ihre eigene Weise zu stillen versuchen durch Alkohol und andere Drogen, durch die Jagd nach immer wieder dem neusten Kick. Ja, da gibt es zugleich diejenigen, denen das Alter immer mehr zur Last wird, die ihr Leben gelebt haben, wie sie es selber formulieren, für die das Leben zu einem Warten geworden ist, zu einem Warten darauf, endlich sterben zu dürfen. Ja, wenn man ihnen zu Beginn dieses Jahres noch ein langes Leben wünscht, dann empfinden sie dies gerade nicht als erstrebenswertes Ziel, sondern eher als Drohung. Aber da gibt es dann auch wieder diejenigen, für die diese Frage danach, was sie tun würden, wenn sie nur noch einen Tag, nur noch eine kurze Zeit zu leben hätten, eben nicht bloß ein irreales Gedankenspiel ist, sondern die sich mit dieser Frage ganz konkret auseinandersetzen müssen, weil sie wissen, dass ihre Lebenszeit begrenzt ist, weil sie ahnen, dass dieser Neujahrstag der letzte ihres Lebens sein könnte, dass die Zahl 2008, die man nun in diesen Tagen überall in großen Ziffern lesen kann, auch einmal auf ihrem Grabstein stehen könnte. Vielleicht machen ihnen die Folgen einer Krankheit schon zu schaffen, und doch spüren sie da in sich diesen unbändigen Durst nach Leben, dieses Verlangen danach, weiterleben zu dürfen, und sei dieses Leben, das da vor ihnen liegt, noch so eingeschränkt. Ja, Hauptsache leben, Hauptsache, weiter atmen zu dürfen, weiter etwas davon zu spüren, dass man noch lebendig ist – nein, diesen Drang nach Leben, den wir in uns tragen, den kann man eben nicht so einfach abstellen, selbst wenn man möchte.
Was ist Leben? Worin besteht mein Leben? Wenn wir uns mit dieser Frage auseinandersetzen, was wir tun würden, wenn wir nur noch einen Tag zu leben hätten, dann gewinnen unsere ganz persönlichen Antworten auf diese anderen Fragen ihre ganz eigene Gestalt. Dies eine wird allerdings in all den Antworten, die wir geben und finden mögen, immer wieder ganz deutlich: Unser Leben, das wir haben, ist und bleibt endlich, lässt sich nur in einem sehr begrenzten Rahmen erweitern. Es ist und bleibt ein Leben, in dem wir immer wieder lernen müssen, loszulassen, weil nichts von dem, was wir haben und erleben, ja was wir sind, unendlich, ewig, auf Dauer angelegt ist. Was uns bleibt, ist die Möglichkeit, hier und jetzt die Zeit zu nutzen, die uns noch gegeben ist; was uns bleibt, ist das Gefühl, letztlich doch so viel zu verpassen, was sich nicht mehr nachholen, nicht mehr gutmachen lässt. Ja, unser Leben ist und bleibt, wie es der Philosoph Martin Heidegger so treffend formuliert und beschrieben hat, ein „Sein zum Tode“.
Gewiss, wir können versuchen, den Ernst der Endlichkeit unseres Lebens zu mildern, indem wir uns mit dem Gedanken trösten, dass es doch nach dem Tod irgendwie weitergehen könnte oder weitergeht. Wir können versuchen, die Bedeutung unseres jetzigen irdischen Lebens zu relativieren, indem wir uns den Gedanken fernöstlicher Religionen zueigen machen, wonach unser jetziges Leben nur ein Glied in einer Kette von Wiedergeburten ist, die uns dem Ziel näherbringt, dass unser Ich irgendwann einmal vollständig ausgelöscht wird und damit endlich dem Kreislauf der Wiedergeburten entkommen kann. Man kann diese Gedanken dann auch noch ein bisschen an das westliche Konsumdenken anpassen und es für eine ganz vergnügliche Vorstellung halten, dass man nach seinem Tod eben in irgendeinem anderen Körper weiterlebt. Aber vielleicht spüren wir es dann doch, dass man mit solchen Gedankenspielereien weder dem Ernst des Lebens noch dem Ernst des Todes wirklich gerecht wird. Nein, in der Antwort auf die Frage, was eigentlich mein Leben ausmacht, worin mein Leben eigentlich besteht, steht für uns nicht weniger als alles auf dem Spiel, geht es um die letzte Entscheidung, ob wir eigentlich unser Leben verfehlen werden oder nicht.
Und wenn wir uns all dies vor Augen halten, dann bekommen die Worte der Jahreslosung für das Jahr 2008 noch einmal einen neuen Klang. Sie klingen ja zunächst einmal so nett und so harmlos: Ich lebe, und ihr sollt auch leben. Leben und leben lassen – das ist ja für viele Menschen so eine Art von Lebensmotto. Doch wenn Christus hier in der Jahreslosung sagt: Ich lebe, dann bedeuten diese Worte noch einmal etwas ganz anderes, als was sie sonst im Mund von Menschen bedeuten. Normalerweise ist die Feststellung: „Ich lebe“ im Mund eines Menschen eine Momentaufnahme; sie stimmt gerade, aber sie braucht schon in einer Woche, in einem Jahr nicht mehr zu stimmen. Doch wenn Christus sagt: „Ich lebe“, dann ist das eben keine Momentaufnahme, dann meint er nicht: „Ich lebe jetzt gerade, aber in einem Monat kann das schon ganz anders aussehen“. Nein, wenn Christus sagt: „Ich lebe“, dann ist das eine Aussage, die nie mehr revidiert zu werden braucht, die nie mehr Vergangenheit sein wird, sondern die in alle Ewigkeit gelten wird. Das Leben, von dem Christus spricht, nein: das er hat, ja, das er ist, ist eben kein endliches Leben, kein Sein zum Tode, sondern ein Sein, das den Tod hinter sich gelassen hat, das darum nicht endlich, nicht begrenzt ist, sondern in alle Ewigkeit reicht. Eine ganz andere Wirklichkeit beschreibt Christus damit in diesen beiden Worten, und diese Wirklichkeit, die soll nun eben nicht bloß für ihn selber gelten, sondern mit der sollen auch wir in Kontakt kommen, ja, die soll auch uns eine ganz andere, ganz neue Lebensperspektive schenken: Ich lebe, und ihr sollt auch leben – Das sagt Christus zu denen, die ihren Durst nach Leben im Urlaub, bei der Fete am Wochenende oder einfach mit einer Flasche Bier zu löschen versuchen. Ich lebe, und ihr sollt auch leben – Das sagt Christus zu denen, für die sich das Leben nur noch hinzieht wie Kaugummi, die sich vielleicht danach sehnen, dass ihr Leben endlich an ein Ende kommt. Und „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“ – Das sagt Christus auch zu denen, die ihr eigenes Lebensende sehr konkret vor sich sehen und sich gerade nicht damit abfinden können, sich so sehr danach sehnen, weiterleben, weiter atmen zu dürfen.
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben“ – nein, das ist kein netter Wunsch, kein netter Gedanke. Sondern das ist eine Zusage, die ganz konkret mit unserem jetzigen, irdischen, geschöpflichen Leben zu tun hat. „Ich lebe“ – Der diese Worte zu uns spricht, der hat selber unter qualvollen Umständen sein irdisches Leben beenden müssen, hat unter großen Schmerzen seine letzten Atemzüge machen müssen, ja, der ist am Ende wirklich gestorben und beerdigt worden. „Ich lebe“ – Das heißt gerade nicht: Ihr braucht den Tod nicht ernst zu nehmen, er ist nur Einbildung, er ist nur Schein. Nein, er ist und bleibt Realität, harte, grausame Realität. Aber er war und ist für Christus eben nicht einfach das Ende gewesen: Er, Christus, hat sich als stärker erwiesen als der Tod, ist auferstanden in ein Leben hinein, das nun nicht mehr vom Tod begrenzt und bedroht ist. Und genau an diesem Leben will Christus auch uns Anteil geben, ja, hier und jetzt in unserem vergänglichen, endlichen Leben, will uns damit jetzt schon teilhaben lassen an einer Realität, die sich durchhalten wird, wenn all das, was ich jetzt für Leben halte, einmal längst vergangen sein wird. Ja, ganz konkret ist das in deiner Taufe geschehen. Da hat Christus diese Worte der Jahreslosung ganz persönlich zu dir gesagt: Ich lebe, und du sollst auch leben. Du sollst von heute an ein neues Leben haben, das auch der Tod nicht zerstören kann, ein Leben, das eben kein Sein zum Tode mehr ist, ein Leben, das mehr ist als eine kurzfristige Unterbrechung der Tretmühle des Alltags, ein Leben, das bleiben wird, was sich auch in deinem Leben sonst alles verändern mag.
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“ – Nein, das ist keine Aufforderung unseres Herrn, dass wir ein bewusstes, selbstbestimmtes Leben führen sollen, sondern das ist eine Einladung – eine Einladung hier an diesen Altar. Angeschlossen werden sollen wir immer wieder an den Lebensstrom, der von Christus ausgeht, sollen immer wieder dieses Leben empfangen, das allein diesen Namen verdient. „Ihr sollt auch leben!“ – Genau darum geht es immer und immer wieder im Heiligen Abendmahl, auch jetzt wieder in diesem Jahr 2008. Christus will uns an seinem Leben Anteil geben, will, dass wir nicht den Kontakt zu ihm verlieren, will dass unser Leben nicht einfach im Dunkel endet, speist uns darum mit dem Heilmittel der Unsterblichkeit, mit seinem gekreuzigten und auferstandenen Leib, tränkt uns mit seinem Blut, in dem sein Leben ist.
Und das hat Auswirkungen auch auf das, was wir hier und jetzt als unser irdisches, vergängliches Leben erfahren: Ja, da leben wir von Termin zu Termin, von Verpflichtung zu Verpflichtung, scheinbar im immer gleichen Trott. Aber in diesen Trott bricht eben immer wieder in jedem Gottesdienst schon das neue Leben hinein, gibt unserem so flachen, alltäglichen Leben eine ganz andere Tiefendimension, eine ganz andere Weite. Nein, ich muss nicht versuchen, dadurch mein Leben zu finden und zu retten, dass ich aus dem Alltagstrott ausbreche, um irgendetwas Aufregendes zu erleben, um mich wenigstens für ein paar Stunden zu betäuben, um darin meinen Durst nach Leben zu stillen. Meinen Lebensdurst kann und darf ich hier bei Christus stillen, in seiner Gemeinschaft. Und wenn ich hier sein ewiges, unvergängliches Leben empfange, dann kann und darf ich durchaus auch mein Leben hier auf der Erde genießen, darf mich erfreuen an der Schönheit der Natur, an meiner Familie, an der Begegnung mit Menschen, darf gewiss auch jede Menge Spaß haben. Ja, all das kann ich gerade darum genießen, weil ich weiß: Das ist nicht alles; ich habe ein Leben, das auch dann noch bleibt, wenn mir das alles genommen wird, wenn das alles vergeht.
Und wenn da in meinem jetzigen Leben nur noch so wenig lebenswert erscheint, wenn ich mich nur noch danach sehne, dass dieses Leben doch irgendwann vorbei sein möge, dann bekommt diese Sehnsucht durch Christus und die Teilhabe an seinem Leben eben auch eine ganz andere Tiefe. Dann geht es nicht bloß darum, dass endlich Schluss ist mit all dem, was mich jetzt so nervt und belastet und langweilt und schmerzt,  sondern es geht darum, dass ich tatsächlich ein wunderbares Ziel vor Augen habe, auf das ich mich freuen darf, ja, nach dem ich mich sehnen kann und darf. Aber dieses Ziel liegt eben nicht bloß unerreichbar in der Zukunft; es wird für mich eben schon jetzt immer wieder Realität, wenn ich Christus begegne, wenn ich ihn empfange, mit ihm verbunden werde im Sakrament. Das lässt mich dann auch weiter durchhalten auf dem Weg zum Ziel, schenkt mir die Kraft, jetzt und hier weiterzuleben, solange Christus selber meinem irdischen Leben noch kein Ende gesetzt hat. Und wenn ich merke, dass mein Leben hier auf Erden schneller zu Ende geht, als ich dies wünsche und hoffe, dann will Christus mir mit seinem Leib und Blut helfen, Stück für Stück dieses Ende annehmen zu können, will mir helfen, das Loslassen zu lernen, indem er selber sich mit mir verbindet und mich festhält. Nein, Christus verharmlost mein Sterben nicht; dazu hat er selber nur allzu schmerzlich erfahren, was es heißt, sterben zu müssen. Doch wer mit ihm verbunden bleibt, der darf gewiss sein: Christus lässt mich nicht fallen, auch und gerade in meinem Sterben, auch und gerade in der Finsternis des Todes nicht.
„Was würde ich tun, wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte?“ – Wir haben bei unserer Freizeit in Schweden gemerkt, wie unsere Hoffnung als Christen auch unsere Antworten auf diese Frage prägte, wie wir diese Frage nicht verdrängen mussten, wie wir getrost und zuversichtlich Antworten auf diese Frage formulieren konnten. Ja, sehr fröhlich ging es auf unserer Freizeit in Schweden zu – nicht obwohl, sondern gerade auch weil wir uns dort mit den Fragen von Leben und Tod so intensiv auseinandersetzten. Und genauso fröhlich und getrost dürfen auch wir nun in das neue Jahr 2008 eintreten, auch mit all dem, was uns bewegen und belasten mag. Denn über allem steht die Zusage und Einladung unseres Herrn an seinen Altar: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ Amen.