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Das Glaubensbekenntnis: Der Dritte Artikel: Von der Heilung.

Das Glaubensbekenntnis: Der Dritte Artikel: Von der Heilung.

 

Von der Heiligung
Ich glaube an den Heiligen Geist,
eine heilige christliche Kirche, die Gemeinde der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Amen.

Was ist das?
Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft
an Jesus Christus, meinen Herrn,
glauben oder zu ihm kommen kann;
sondern der Heilige Geist
hat mich durch das Evangelium berufen,
 mit seinen Gaben erleuchtet,
im rechten Glauben geheiligt und erhalten;
gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden
beruft, sammelt, erleuchtet, heiliget
und bei Jesus Christus erhält im rechten, einigen Glauben;
in welcher Christenheit er mir und allen Gläubigen
täglich alle Sünden reichlich vergibt
und am Jüngsten Tag mich und alle Toten auferwecken wird
und mir samt allen Gläubigen in Christus
ein ewiges Leben geben wird.
Das ist gewißlich wahr.

 

Mit dem Bekenntnis zu dem Heiligen Geist tun sich viele Christen schwer. Sie können sich den Heiligen Geist nicht vorstellen und nicht erkennen, was für eine Bedeutung der Heilige Geist für sie und ihren Glauben haben soll.

Martin Luther setzt in seiner Erklärung des dritten Teils des Glaubensbekenntnisses bei der Unfähigkeit des Menschen an, an Christus glauben zu können: „Ich glaube, daß ich nicht … glauben kann.“ Der Glaube an Christus ist keine menschliche Fähigkeit; er ist nicht das Ergebnis eines menschlichen Willensaktes oder einer Entscheidung; er ist erst recht kein religiöses Gefühl. Sondern „glauben“ heißt „zu Christus kommen“, oder, wie es am Ende der Erklärung heißt, „in Christus“ sein. „Glaube“ ist die Gemeinschaft mit Christus, die grundlegend in der Taufe gestiftet und durch Gottes Wort und Sakrament immer wieder gestärkt und erhalten wird. „Glaube“ ist nicht abhängig von meinen intellektuellen Fähigkeiten. Ich „glaube“ auch im Schlaf, ebenso wie ein getaufter Säugling oder auch ein demenzkranker Mensch glaubt.

Eben diesen Glauben kann ich aber nun nicht aus mir selber hervorbringen; er ist Gabe und Wirkung des Geistes Gottes, der diesen Glauben in uns wirkt, „wo und wann er will“ (Augsburger Bekenntnis, Artikel V). Wenn ein Gesprächspartner uns also erklärt: „Ich kann nicht glauben“, so können wir ihm nur zustimmen: Ich kann auch nicht glauben; der Glaube ist und bleibt stets ein Geschenk. Das heißt zugleich auch: Wir können den Glauben auch bei keinem anderen Menschen hervorrufen. Viele Christen kennen diese frustrierende Erfahrung: „Ich schaffe es einfach nicht, andere Menschen zum Glauben zu bringen. Dabei habe ich mich doch so bemüht und so viele gute Argumente gebracht.“ Doch durch unsere Bemühungen und unsere Argumente wird der Glaube eben nicht gewirkt – und wo Menschen zum Glauben an Christus geführt werden, da sind wir es eben auch nicht gewesen. Das schafft auch kein Pastor.

Wie leicht diese grundlegenden Einsichten selbst in lutherischen Kirchen in Vergessenheit geraten können, wird zur Zeit in unserer lutherischen Schwesterkirche in den USA erkennbar. Dort hat man vor kurzem unter dem Titel „Ablaze!“ eine Initiative gestartet, bis zum Reformationsjubiläum 2017 „100 Millionen Herzen mit dem Evangelium zu entzünden“. Auf der „Ablaze!“-Homepage im Internet ist dann auch gleich ein Zähler eingerichtet, auf dem man ablesen kann, wie viele Menschen man im Rahmen dieser Initiative schon erreicht zu haben behauptet. Hier wird das Wirken des Heiligen Geistes ganz offen durch eine menschliche Kampagne ersetzt, die vorgibt, tun zu können, was nach dem Kleinen Katechismus allein der Heilige Geist vermag. Leider gibt es auch in unserer Kirche Stimmen, daß wir uns in diese Bewegung „einbinden lassen“ sollten. Vor solch einer Schwärmerei – auch wenn sie unter einem noch so frommen Vorzeichen steht – kann jedoch im Gegenteil nur eindringlich gewarnt werden.

Der Mensch kann nicht „an Jesus Christus glauben oder zu ihm kommen“. Nur Gott kann dies bewirken. Darum betont die Kirche, daß der Heilige Geist wirklich Gott ist und kein Geschöpf, daß Er keine natürliche Anlage im Menschen ist und auch nicht mit menschlichen Gefühlen oder menschlicher „Begeisterung“ verwechselt werden darf. Dieser Heilige Geist wirkt, so betont es Luther, durch äußerliche Mittel, durch „das Evangelium“, wie er es hier nennt. Mit dem „Evangelium“ sind bei Luther die Predigt von Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, und die Heiligen Sakramente, also Taufe, Beichte und Heiliges Abendmahl, gemeint. Dadurch ruft der Heilige Geist Menschen in die Gemeinschaft mit Christus und erhält sie auch in ihr. Der Heilige Geist ist nicht nur ein „Impulsgeber“ am Anfang; wir sind auf Sein Wirken an uns und in uns unser ganzes Leben lang angewiesen: Nur durch Ihn werden wir „im rechten Glauben geheiligt und erhalten“.

Das Wirken des Heiligen Geistes vollzieht sich immer in der Gemeinschaft der Kirche, so betont es Martin Luther. Da der Ausdruck „Kirche“ zur Zeit Luthers mißverständlich klang, ersetzt Luther ihn durch das Wort „Christenheit“. Damit macht er deutlich, daß „Kirche“ nicht bloß ein Gebäude ist, sondern das Volk Gottes, ja mehr noch: „die Mutter, die einen jeglichen Christen zeugt und trägt“, wie es im Großen Katechismus heißt. Der Heilige Geist bindet mich also in Seinem Wirken immer zugleich auch in die Kirche ein; zu Seinen Tätigkeiten gehört stets auch das „Sammeln“. Und allein in der Kirche, in der „Christenheit“, wird mein Glaube auch immer wieder gestärkt und erhalten. Legt man eine Kohle aus einem glühenden Kohlenhaufen beiseite, so wird sie schnell kalt. So erkaltet auch unser Glaube schnell, wenn wir meinen, ihn ohne die Gemeinschaft der Kirche, in der das Feuer des Heiligen Geistes brennt, behalten zu können. Diese traurige Wahrheit erlebe ich leider immer wieder ganz unmittelbar in der Gemeindearbeit.

Ohne die Gemeinschaft der Kirche können wir als Christen nicht leben, denn niemand kann Gott zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat, wie es bereits die Kirchenväter der Alten Kirche formuliert haben. Vor allem aber können wir ohne die Gemeinschaft der Kirche nicht leben, weil der Heilige Geist mir nur in dieser Christenheit, in dieser Kirche „täglich alle Sünden reichlich vergibt“. Darum halten Luther und die lutherischen Bekenntnisse an dem Satz fest, daß es außerhalb der Kirche kein Heil gibt, weil es außerhalb der Kirche keine Vergebung der Sünden gibt. Das Heil ist nicht an die Gliedschaft in einer Organisation gebunden – ich kann auch als Glied der Kirche verloren gehen! –, sondern an den Empfang der Sündenvergebung, die uns in den Gnadenmitteln immer wieder geschenkt wird.

„Reichlich“ vergibt uns Gott die Sünden. Darum lassen sich beispielsweise die Teilnahme an der Beichtandacht und der Empfang des Heiligen Abendmahls nicht gegeneinander ausspielen, als ob der Empfang der Kommunion die Sündenvergebung in der Beichte überflüssig machen würde. Gott knausert nicht, und darum sollten auch wir uns nicht damit zufrieden geben, nur einen Teil Seiner Gaben zu empfangen. „Täglich“ vergibt uns Gott unsere Sünden, genau wie wir das Heilige Mahl als unser „tägliches Brot“ in der Sakramentsliturgie erbitten. Täglich bitten wir im Vaterunser um die Vergebung unserer Schuld – und sollten eben darum keine Gelegenheit auslassen, diese Vergebung dann auch konkret in der Heiligen Absolution zu empfangen. Genau dorthin ruft uns der Heilige Geist ja auch immer wieder.

Das Wirken des Heiligen Geistes zielt auf die Vollendung: Diese ereignet sich nicht schon jetzt in unserem Leben, als ob wir jetzt schon sündlos und vollkommen werden könnten. Sondern das Wirken des Heiligen Geistes vollendet sich am Jüngsten Tag, dem Tag der Wiederkunft Christi. Dann wird ein Doppeltes stattfinden: Alle Toten, ganz gleich, ob sie an Christus geglaubt hatten oder nicht, werden auferweckt werden. Und allen Gläubigen, die in der Gemeinschaft mit Christus gelebt haben, wird das ewige Leben gegeben werden. Auferweckung und ewiges Leben sind also nicht dasselbe. Alle Menschen werden sich einmal vor dem Richterstuhl Christi verantworten müssen – auch all diejenigen, die sich mit ihren Untaten jedem menschlichen Gericht entziehen konnten. Retten werden uns in diesem Gericht nicht etwa unsere guten Werke oder unser anständiges Leben. Retten wird uns allein, daß wir „in Christus“ geblieben sind: „Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid. Damit will ich vor Gott bestehn, wenn ich zum Himmel werd eingehn.“ (ELKG 273) Luther deutet den doppelten Ausgang des Gerichtes nur an; er betont allein den positiven Ausgang, das ewige Leben. Nicht Angst, sondern Vorfreude soll unseren Blick in die Zukunft bestimmen. Dieses ewige Leben ist dabei nicht bloß irgendeine vergeistigte Form von „Unsterblichkeit“, sondern setzt die leibliche Auferstehung voraus. In der Einheit von Leib und Seele wird sich unser Leben in der Gemeinschaft mit Christus einmal vollenden. Welche Gestalt diese neue Existenzform einmal haben wird, dafür kann uns der leiblich auferstandene Christus selber ein Anhalt sein (vgl. Philipper 3,20-21).