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6. Die „Christliche Wissenschaft“ (Christian Science)

Um eine Verwechslung gleich von vornherein auszuschließen: Die „Christliche Wissenschaft“ (englisch: Christian Science) hat nicht das Geringste mit der Scientology-Organisation zu tun, die im Rahmen dieser Serie über Sekten und Sondergemeinschaften auch nicht als solche vorgestellt wird, weil Scientology, obwohl die Organisation dies selber behauptet, keine Kirche oder religiöse Einrichtung ist, sondern das Mäntelchen der Religion nur zur Durchsetzung ihrer sehr weltlichen Interessen nutzt.
Christian Science ist vielmehr eine religiöse Bewegung, die auf das Wirken der Amerikanerin Mary Baker Eddy zurückgeht. Mary Baker wurde 1821 in New Hampshire geboren und wuchs in einer sehr religiösen, reformiert-kongrega-tionalistischen Familie auf. Schon früh litt Mary Baker an einem nervösen Leiden, das durch den Tod ihres ersten Mannes und die Probleme in ihrer Ehe mit ihrem zweiten Mann, von dem sie sich schließlich scheiden ließ, noch verstärkt wurde. Mary Baker wandte sich daraufhin an einen Heilpraktiker namens Phineas P. Quimby, der ihr den Gedanken nahebrachte, dass Krankheit ein „Irrtum“ und nur Gesundheit „Wahrheit“ ist, und der sich als geistiger Heiler betätigte. Bei Mary Baker erzielte er dabei einen beachtlichen Erfolg. Kurz nach dem Tod Quimbys stürzte Mary Baker unglücklich auf Glatteis und glaubte, dem Tod nahe zu sein. Daraufhin griff sie zur Bibel, las die Geschichte von der Heilung des Gichtbrüchigen aus Matthäus 9 und bezog dabei den Befehl Jesu „Stehe auf!“ auf sich selbst. Von dieser Stunde an fühlte sie sich gesund und erkannte, dass sie dazu in der Lage sei, sich selber immer wieder geistig zu heilen. Ihre Erkenntnisse und ihr damit verbundenes Verständnis der Heiligen Schrift legte sie in dem Buch „Science and Health“ („Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“) nieder. Dieses Buch ist das Hauptwerk der Christlichen Wissenschaft und hat im Glaubensleben der Angehörigen der Christlichen Wissenschaft denselben Rang wie die Heilige Schrift selbst. Mary Baker Eddy bezeichnete dieses Werk selber als „göttlich inspiriert“. Bald darauf eröffnete Mary Baker eine Schule, in der sie das von ihr erkannte „Prinzip wissenschaftlich-mentalen Heilens“ unterrichtete, und heiratete schließlich einen ihrer Schüler, den Nähmaschinenvertreter Asa Gilbert Eddy, dessen Namen sie fortan führte. Er wurde der wichtigste Helfer seiner Frau und richtete als erster eine christlich-wissenschaftliche Sonntagsschule ein. Er starb jedoch schon fünf Jahre nach der Hochzeit. Schon zu den Lebzeiten ihres dritten Mannes hatte Mary Baker Eddy eine erste eigene Kirche gegründet, die „Church of Christ (Scientist)“ in Boston, die bis heute als Mutterkirche aller Kirchen der Christlichen Wissenschaft gilt. Für diese Kirche schuf Mary Baker Eddy auch ein „Kirchenhandbuch“, das bis heute für alle Kirchen der Christlichen Wissenschaft verbindlich ist. Bis ins hohe Alter blieb Mary Baker Eddy sehr aktiv und gründete noch 1908 die Tageszeitung „Christian Science Monitor“, die bis heute in den USA und darüber hinaus eine guten Ruf als seriöse Zeitung hat. Mary Baker  Eddy starb am 3. Dezember 1910 – wobei man in der „Christlichen Wissenschaft“ nicht gerne davon redet, dass sie oder ein anderer Christlicher Wissenschaftler „gestorben“ ist, da der Tod ja ihrer Lehre zufolge nur eine Einbildung ist: „Es gibt keinen Tod … Leben ist wirklich, und der Tod ist eine Illusion“, so wird es dem Sterbenden auf dem Sterbebett nahegebracht.
Mittlerweile ist die „Christliche Wissenschaft“ in 80 Ländern dieser Erde verbreitet. Eine Zweigorganisation der „Christlichen Wissenschaft“ kann an einem Ort gegründet werden, wenn mindestens 16 gesinnungstreue Christliche Wissenschaftler vorhanden sind; von ihnen müssen mindestens vier der Bostoner Mutterkirche angehören, und einer von ihnen muss ein eingetragener „Ausüber der Christlichen Wissenschaft“ sein. Diese „Ausüber“ helfen anderen Menschen dabei, alle Lebensprobleme im Sinne der Christlichen Wissenschaft zu lösen, wobei dies in aller Regel auch ihr Beruf ist, mit dem sie ihr Geld verdienen. Gibt es in einer Stadt mehrere Zweigorganisationen, so werden sie schlicht „Erste, Zweite usw. Kirche Christi, Wissenschaftler“ genannt. In Berlin gibt es vier dieser Kirchen in Wilmersdorf, Prenzlauer Berg, Charlottenburg und Lichterfelde – wobei der Name der Lichterfelder Kirche, „Elfte Kirche Christi, Wissenschaftler“, darauf hindeutet, dass wohl eine Reihe dieser Zweigorganisationen in Berlin mittlerweile aufgehört hat zu bestehen.
In den Räumlichkeiten der einzelnen Gemeinschaften werden regelmäßig Sonntagsfeiern und Mittwochabend-Versammlungen gehalten. Die Sonntagsfeiern sind, wie auch der Versammlungsraum, äußerst puritanisch-schlicht gehalten – entsprechend der religiösen Herkunft Mary Baker Eddys. Es gibt keine Geistlichen und auch keine freie Predigt; stattdessen lesen zwei Gemeindeglieder, umrahmt von Gesang und Gebet, Abschnitte aus der Bibel und aus dem Buch „Wissenschaft und Gesundheit“. Die Bitten des Vaterunsers werden jeweils durch eine „geistige Auslegung“ ergänzt, in der es zum Beispiel heißt: „Unser Vater – Mutter – Gott, allharmonisch“ und „Gott führt uns nicht in Versuchung, sondern erlöst uns von Sünde, Krankheit und Tod.“ Die Christliche Wissenschaft praktiziert weder die Taufe noch die Feier des Heiligen Abendmahls; stattdessen feiert sie zweimal im Jahr eine „geistige Kommunion“, bei der die geistige Einheit des Menschen mit Gott in besonderer Weise meditativ erlebt wird.
Jede Zweigkirche muss zugleich einen „Leseraum“ unterhalten, in dem neben der Bibel nur die Schriften von Mary Baker Eddy und die Veröffentlichungen des Verlags der Christian Science in Boston ausgelegt werden dürfen. Man achtet genau darauf, dass die Lehre der Gründerin von jeder Veränderung bewahrt bleibt. So wird die Lehre auf genau definierten Ausbildungswegen durch Lehrer weitergegeben, die ihrerseits die „Ausüber“ in den einzelnen Kirchen weltweit schulen.
Zentrales Thema der „Christlichen Wissenschaft“ ist die Heilung und Erlösung von Sünde, Krankheit und Tod. Diese wird dadurch ermöglicht, dass der Mensch erkennt, dass alles Böse nur unwirklich ist und dagegen nur Gott allein wirklich und gut ist. Weil Gott „mind“ ist (Der Begriff wird im Deutschen in der Christlichen Wissenschaft zumeist mit „Gemüt“ wiedergegeben), ist auch die Materie unwirklich und Einbildung. Die von Mary Baker Eddy verfasste „Wissenschaftliche Erklärung des Seins“, die bei jeder Beerdigung eines Angehörigen der Christlichen Wissenschaft verlesen wird, lautet entsprechend: „Es ist kein Leben, keine Wahrheit, keine Intelligenz und keine Substanz in der Materie. Alles ist unendliches Gemüt und Seine unendliche Offenbarwerdung, denn Gott ist Alles-in-Allem. Geist unsterbliche Wahrheit; Materie ist sterblicher Irrtum. Geist ist das Wirkliche und Ewige. Materie ist das Unwirkliche und Zeitliche. Geist ist Gott, und der Mensch ist sein Bild und Gleichnis. Folglich ist der Mensch nicht materiell; er ist geistig.“ Die Trinitätslehre wird entsprechend von der „Christlichen Wissenschaft“ abgelehnt; sie bezeichnet sich auch gerne als „Kirche ohne Dogmen“. Der Sinn des Wirkens Jesu bestand darin, dass er Wegweiser war, der durch Heilung der Kranken und durch die Überwindung von Sünde und Tod demonstrierte, wie Erlösung geschieht: „Jesus beherrschte das systematische geistige Heilen durch Gebet.“ Jeder Mensch, der dies erkennt und glaubt, ist dazu in der Lage, sich selber zu heilen. Entsprechend lehnen Angehörige der Christlichen Wissenschaft es in aller Regel ab, sich ärztlich behandeln zu lassen und Medikamente zu nehmen. Für sie ist „der mentale Prozess“ das wahre Heilverfahren. Bei diesem „mentalen Prozess“ spielt das wortlose Sich-Versenken in Gott die entscheidende Rolle, das „Gebet, bei dem die Lippen schweigend verstummen“. Dabei beruft sich die Christliche Wissenschaft immer wieder auf die Bibel als ihre Grundlage – allerdings in ihrer Auslegung durch die Schriften Mary Baker Eddys, durch die in Wirklichkeit der ursprüngliche Sinn der Aussagen der Heiligen Schrift weitestgehend entstellt wird.
In mancherlei Hinsicht ist die Christliche Wissenschaft eine klassische Sekte: Sie folgt einer göttlich inspirierten Offenbarerin, die allein das Verständnis der Heiligen Schrift zu öffnen vermag. Sie hat eine Organisation, die jegliche kritische Auseinandersetzung mit den Lehren der Sektengründerin zu verhindern vermag. Sie versteht sich selbst als christliche Kirche, weiß sich dabei aber zugleich als einzige im Besitz der göttlichen Wahrheit, die in den anderen christlichen Kirchen spätestens seit dem Jahr 400 verlorengegangen ist. Von daher besteht bei der Christlichen Wissenschaft auch keinerlei Interesse an ökumenischen Verbindungen mit anderen christlichen Kirchen. Im Unterschied zu anderen Sekten spielt jedoch die Zugehörigkeit zu der Organisation als solcher eine geringere Rolle: Letztlich ist die „Christliche Wissenschaft“ eine sehr individualistische Religion, für die die Mitgliedschaft in der „Kirche“ der Christlichen Wissenschaftler nur eine gewisse unterstützende Bedeutung hat. Entsprechend entfaltet die Christliche Wissenschaft auch keine organisierte missionarische Aktivität, sondern beschränkt sich wesentlich darauf, ihre „Leseräume“ zur Verfügung zu stellen. Wenn es auch keine offiziellen Mitgliederangaben gibt, kann man in Deutschland doch von nicht mehr als 2000 Mitgliedern ausgehen; die Tendenz dürfte eher schrumpfend sein.
Die Lehre der Christlichen Wissenschaft muss man bei genauerem Hinsehen als nichtchristlich einordnen: In ihr feiert vielmehr klassisches gnostisches Gedankengut, gegen das sich bereits die Alte Kirche mit großer Vehemenz zur Wehr setzte, eine fröhliche Wiederauferstehung: Die Fleisch- und damit Materie-werdung Gottes wird ausdrücklich geleugnet. Das Heil besteht in der geistigen Erkenntnis, dass die Materie und alles Böse, inklusive des Todes, nur Einbildung ist. Entsprechend wird auch der Kreuzestod Jesu radikal umgedeutet, denn auch für ihn gilt: „Es wird nirgends in der Theologie der Christlichen Wissenschaft gelehrt, dass das Leiden oder Sterben eines Menschen Gottes Wille ist.“ Weil Materie nur Einbildung ist, spielen auch die Sakramente keinerlei Rolle in der Christlichen Wissenschaft. Letztlich ist die Erlösung, die die Christliche Wissenschaft verkündigt, Selbsterlösung – wobei Gott es ist, der dem Menschen hilft, die Wahrheit der Christlichen Wissenschaft zu erkennen. Diese Selbsterlösung ist darum möglich, weil es eben in Wahrheit nur das Gute gibt und Sünde, Tod und Teufel nur eine Illusion sind.
Auch die „Christliche Wissenschaft“ hat ihre Wurzeln ursprünglich in reformiert-freikirchlichem Denken. Diese Wurzeln teilt sie mit fast allen christlichen Sekten. Immer wieder entstehen diese Sekten nach demselben Muster: Religiös besonders feinfühlige Menschen glauben, die Heilige Schrift losgelöst von der Gemeinschaft der Kirche noch einmal ganz neu verstehen und auslegen zu können. Dabei vermischt sich dann reformiert-freikirchliche Frömmigkeit mit antikirchlichen Affekten und anderen Impulsen, im Falle von Mary Baker Eddy mit den Impulsen des Geistheilers Quimby. Diejenigen, die glauben, die Heilige Schrift noch einmal ganz neu erkannt zu haben, messen ihrer eigenen Entdeckung schnell Offenbarungsqualität bei und gewinnen mit diesem Anspruch Anhänger, mit denen sie dann auch schnell eine neue Glaubensgemeinschaft gründen. Wo man nicht mehr darum weiß, was Kirche eigentlich bedeutet, ist der Weg zur Sekte nicht mehr weit.