Geistliches Wort für August / September 2021


HerrJonathan Rehr, neige deine Ohren und höre, tu deine Augen auf und sieh!
2. Könige 19,16

Angeregt unterhalten sich zwei Mütter auf dem Spielplatz. Es gibt viel zu erzählen. Die zweijährige Tochter der einen Frau macht sich zunehmend bemerkbar. Sie gibt alles, um die Aufmerksamkeit der Mutter zu bekommen. Ungeduldig zappelt und zerrt sie an der Hose ihrer Mutter. Endlich tut sich etwas: Die Mutter geht in die Hocke und wendet sich ihrem Kind zu: „Was hast du denn, meine Kleine?“ Es ist ein wunderbares Bild, wenn Erwachsene sich kleinmachen, um Kindern auf Augenhöhe zu begegnen.

Wie ein Kind betet auch der fromme König Hiskia. Die Bedrohung ist groß: Sanherib, der König von Assyrien, steht kurz vor der Einnahme der Stadt Jerusalem. Für Hiskia ist dieses weltliche Geschehen jedoch im höchsten Maße eine geistliche Anfechtung. Schließlich war er es selbst, der die falschen Bergheiligtümer des Volkes Gottes beseitigt hatte, damit das Volk nur in Jerusalem den wahren Gott anbetet. Jetzt aber sind Jerusalem, der Tempel und damit der Gottesdienst in Gefahr. Sollte sich Gott als untreu erweisen? Wenn er den heiligen Gottesdienst nicht verteidigen kann, gibt es ihn dann überhaupt? Dazu treiben Sanherib und seine Leute ihren Spott mit Hiskia. Ihnen erscheint es äußerst lächerlich, dass dieser König wirklich seinem Gott vertraut, wo sie doch schon so viele Länder eingenommen und ihre Götter besiegt haben. Sie sagen ihm: „Lass dich von deinem Gott nicht betrügen, auf den du dich verlässt!“ (2. Kön. 19,10).

Hiskia flüchtet sich ins Gebet. Er wendet sich an den Gott, der Himmel und Erde gemacht hat (2. Kön. 19,15). Wie ein Kind bittet er diesen allmächtigen Gott: HERR, neige deine Ohren und höre, tu deine Augen auf und sieh! Ist das nicht kindisch zu glauben, dass der Gott Himmels und der Erden Ohren und Augen hat? Macht Hiskia nicht einen kindischen Denkfehler, wenn er Gott darum bittet, seine Ohren zu neigen? Auch dieses Gebet kann doch Gott nur hören, wenn er seine Ohren bereits geneigt hat.

So mag unser aufgeklärter Geist denken und kommt weiter von dem Ziel. Es ist kein kindisches „Gottesbild“, das Hiskia hat. Umgekehrt ist es richtig: Unsere Ohren und Augen sind nur schwache Abbilder des göttlichen Hörens und Sehens. Wenn wir etwas hören, geht es oft ins eine Ohr herein und aus dem anderen wieder heraus. Wenn wir etwas sehen, gelangt es oft nur auf die Netzhaut, aber nicht in unser Herz. Wie anders ist unser Gott! Wenn er hört, dann erhört er. Wenn er sieht, dann sieht er in Gnaden an. Es ist ein bisschen so wie bei der Mutter auf dem Spielplatz: Richtig hört und richtig sieht sie erst, wenn sie sich kleinmacht.

Bereits im Alten Bund hat sich Gott kleingemacht und im Allerheiligsten des Tempels zugänglich gemacht. Hiskia benutzt diese merkwürdige Anrede: Gott Israels, der du über den Cherubim thronst. Damit spielt Hiskia auf den Gnadenstuhl oberhalb der Bundeslade an, auf dem sich zwei Cherubim befanden. Gott hat verheißen, dass er auf dem Gnadenstuhl wohnt und von dort Gebete erhört.

Gott erhört und sieht Hiskia an. Doch sieht und hört Gott auch den Spott seiner Feinde – so wie es Hiskia erbittet. Auch in dieser Hinsicht handelt Gott: Die Assyrer werden durch den Engel des Herrn geschlagen, Sanherib von seinen eigenen Kindern getötet. Gott lässt sein Volk nicht im Stich – schon gar nicht, wenn der Gottesdienst bedroht ist. Er hört und sieht auch, was uns belastet. Auch wir erfahren in dieser Zeit, dass weltliche Maßnahmen zur geistlichen Anfechtung werden können. Die einen machen sich Sorgen, dass wir durch die Pandemie nicht mehr mit dem Gefühl völliger Sicherheit und Geborgenheit Gottesdienst feiern können. Die anderen tun sich schwer mit den Maßnahmen, die im Gottesdienst eingehalten werden sollen, weil sie sich wie mangelndes Gottvertrauen anfühlen.

Doch eines – das Wichtigste – bleibt in unseren Gottesdiensten. Gott macht sich klein! In Jesus Christus bückt sich Gott und wendet sich uns ganz zu. Uns Sündern begegnet er auf Augenhöhe. Noch viel mehr: Christus hat sich nicht nur uns Sündern gleichgestellt, sondern sogar unterstellt: Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele. Gott schenkt uns nicht nur ein offenes Ohr und ein wachsames Auge. Er schenkt uns alles, was er zu geben hat: Leib und Blut seines Sohnes, Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit. Christus ist der Gnadenstuhl, zu dem wir alle hintreten dürfen. Hier ist der Ort, wo wir ganz kindlich hinkommen können mit all unseren Sorgen: HERR, neige deine Ohren und höre, tu deine Augen auf und sieh! Gott sieht alle unsere Sorgen und wird für seine Kinder sorgen, wie es nur der himmlische Vater kann.

Wie sich ein treuer Vater neigt und Guts tut seinen Kindern, also hat sich auch Gott erzeigt allzeit uns armen Sündern; er hat uns lieb und ist uns hold, vergibt uns gnädig alle Schuld, macht uns zu Überwindern. (ELKG 226,4)

Welch ein Segen, dass wir unsere Gottesdienste wieder mit voller Liturgie und Gesang feiern dürfen! Ein Grund mehr, Gott für sein gnädiges Hören und Sehen zu loben und zu danken!

In Verbundenheit des Glaubens grüßt Sie herzlich, auch im Namen von Pfarrer Büttner,
Ihr Vikar Jonathan Rehr