Geistliches Wort für Dezember 2022 / Januar 2023


Markus BuettnerDie Wüste und Einöde wird frohlocken,
und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie Lilien.
Jesaja 35,1


„Du siehst aus wie das blühende Leben!“, sagt eine Redewendung. Wir bringen hiermit zum Ausdruck, dass unser Gegenüber munter, frisch und gesund aussieht. Das blühende Leben soll nach dem Propheten Jesaja auch in der Wüste entstehen. Die Wüste und die Einöde werden sich freuen, und die Steppe wird aufblühen. Auch hier: blühende Landschaften! Die Wüste soll verwandelt werden. Dort, wo die Umgebung lebensfeindlich und unwirtlich ist, soll es Leben geben. Jesaja sieht prophetisch voraus: Die Zeit der babylonischen Gefangenschaft für das Volk Israel wird zu Ende gehen. Das Volk wird nach Jerusalem ziehen und endlich frei sein. Über diesen Zug freut sich – im Bild gesprochen – die Wüste, frohlockt die Einöde, und die trockene Steppe wird aufblühen. Es ist eine Zusage des Heils für Israel. Selbst wer noch in der Gefangenschaft in Babylon festsitzt, wer in einer unwirtlichen und lebensfeindlichen Umgebung sein Dasein fristet, darf Hoffnung haben. Freiheit und Friede werden kommen. Gerade zu Weihnachten ist es heute der Ukraine mit ihren Menschen, die unter dem Krieg leiden müssen, von Herzen zu wünschen.

Die Bilder von der Wüste, der Einöde und der schon sprichwörtlichen eigenen „babylonischen Gefangenschaft“ wird der eine oder andere in seinem Leben nachvollziehen können. Er nimmt sein Leben als wüst und leer wahr. Mancher sieht sich gefangen im Leistungsdruck unserer Tage, hetzt von einem Termin zum anderen, um alles unter einen Hut zu bekommen: Arbeit, Familie, Beruf, Freunde, Freizeit. Andere haben mit Geldsorgen, Arbeitsplatzverlust, steigenden Preisen, Krankheiten zu kämpfen. Wieder andere führen ein Leben auf der Überholspur, sind eigentlich schon längst jenseits der Belastbarkeit und arbeiten weit über die Grenzen hinaus. An der Lilie können sie sich nicht mehr freuen, weil sie nicht mehr wahrgenommen wird. Auch heute gilt: Freiheit und Friede! Raus aus der eigenen babylonischen Gefangenschaft, wie sie konkret im Leben des Einzelnen auch heißen mag. Diese Freiheit und dieser Friede sind Geschenk Gottes. Ein Christ kann angesichts der Herausforderungen des Lebens gelassen bleiben, weil er weiß: Es geht auf den Herrn zu; und er eilt uns entgegen.

Freilich mag der Weg durch die Zeiten für den einen oder anderen ein langer Marsch durch die Wüste werden; in jedem Fall gilt es, manche Strecke des Lebens auch durch die Einöde zurückzulegen. Und doch soll das Leben aufblühen. Hierzu braucht es zunächst Zeiten der Besinnung. Der Advent ist eine solche Zeit auf dem Weg zur Krippe, zum Kind, zum Heiland, zum blühenden Leben. Diese Zeit des Advents ist nötig. Der Mensch, auch der Christ, braucht Zeiten der Besinnung. Eine besinnliche Adventszeit wünscht man sich in diesen Tagen. Wenn es nicht hohl gemeint ist, heißt es: „Komm zu Sinnen!“ Verbunden ist damit die Frage: Wie stehe ich vor Gott und wie vor meinem Nächsten? Wer sich diesen Fragen stellt und sich ehrliche Antworten gibt, wird durch Gottes Güte in die Umkehr gerufen. So ist die Adventszeit zurecht eine Zeit der Besinnung, der Umkehr, der Hinwendung zu Gott.

Die Adventszeit ist eine Bußzeit, wenn auch in unserem Alltag kaum mehr als solche zu erkennen. Kitsch und Konsum, Buden mit Glühwein und Bratwurst können den Blick verstellen. In der Kirche ist Violett als Farbe der Buße vorherrschend. Eine besinnliche Adventszeit führt ins Nachdenken über das, was gefangen nimmt, welche Schuld einen selbst trifft, wo eigene Fehler gemacht worden sind. Buße ist angezeigt, Umkehr notwendig. Das Ziel ist: Freiheit und Frieden. Heute will der Mensch ohne Adventszeit – verstanden als Bußzeit – nahtlos zum Weihnachtsfest übergehen. Echte Weihnacht ist aber ohne Advent nicht zu haben. Der Weg geht vom Advent – der Buße – hin zur Krippe, vom Eingeständnis der Schuld zur Versöhnung durch das Kind im Stall zu Bethlehem, von der Wüste in die blühende Landschaft, von der vereinsamten Einöde in die lebendige Gemeinschaft mit Gott und den Seinen in der allumfassenden Einen Kirche.

Dieses Kind ist der, der jeden aus persönlicher babylonischer Gefangenschaft herausführt. Wir singen es: „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit!“ Der Heiland ist in der Welt, „der Heil und Leben mit sich bringt“. Wo aber Heil ist, welches der Heiland allein schenkt, da ist auch blühendes Leben. Es ist blühendes Leben, weil es ein vom Kind in der Krippe geschenktes Leben ist. Angesichts der Nöte im eigenen Leben und der Herausforderungen in dieser Welt gibt uns dies tröstliche Gewissheit und unerschütterliche Hoffnung: Die Menschwerdung Gottes schafft blühendes Leben, das einst münden wird im Leben der Auferstehung.

Eine besinnliche Advents- und eine gesegnete Weihnachtszeit sowie ein friedvolles neues Jahr wünscht Ihnen und sich selbst

Ihr Pastor Markus Büttner